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Veröffentlicht von , 12. April 2012 16:44

Predigt: Luk 22,54ff. Aus allen Wolken gefallen Mariendrebber, 25.3.2012 Predigt von Gabi Antrecht

Unglaublich, unbeschreiblich und doch so eindrucksvoll. Mit 250 Stundenkilometer Fallgeschwindigkeit sind wir nach einem Sprung aus 4 km Höhe Richtung Erdboden gerast und es war ein unglaublich krasses Gefühl. In der einen Minute des freien Falls konnte man eigentlich nur brüllen und im Nachhinein kam einem das Ganze irgendwie surreal vor. Ich meine, aus einem fliegenden Flugzeug zu springen grenzt ja eigentlich auch an völligen Wahnsinn. Aber das Wetter war super sonnig und  leicht bewölkt, so dass man wortwörtlich durch die Wolken gefallen ist, auf ein Bild zu, dass man normalerweise nur von Landkarten kennt. Jedem zu empfehlen, der nicht mit Höhenangst zu kämpfen hat, denn dann könnte es kritisch werden. Danach will man einfach nur wieder hoch!

Soweit der begeisternde Bericht eines Menschen, der gerade den ersten Fallschirmsprung seines Lebens absolviert hat. Von diesem Sport geht eine große Faszination aus. Dieses Gefühl des freien Falls, mit der Gewissheit im Kopf im richtigen Moment die Reißleine ziehen zu können, um dann sicher auf den Boden zu zu schweben. Das muss wirklich einmalig sein. Auch wenn ich es mich nicht trauen würde.

Wenn ich im Alltag gemäss des Spruches “aus allen Wolken falle”, ist der Aufprall wesentlich härter.   Schon der Sturz an sich ist meistens nicht vorhersehbar, die Reißleine fehlt und somit bleibt mir nichts anderes übrig, als Augen zu und durch. Enttäuschungen gehören leider zum Alltag. Aber zum Glück lässt mich nicht jede Enttäuschung  aus den Wolken fallen. Wenn ein Fan traurig ist, weil seine Fußballmannschaft ein Spiel verliert, das sie eigentlich sicher hätte gewinnen müssen, ist er enttäuscht. Wenn eine liebe Freundin ohne Grund ein Treffen absagt, auf das ich mich sehr gefreut habe, bin ich enttäuscht. Aber so etwas ist nicht vergleichbar mit der Situation von zigtausenden   Mitarbeitern der Drogeriekette Schlecker, die es sich vor ein paar Monaten wohl nicht haben träumen lassen, dass ihre Arbeitsplätze heute gefährdet sind. Diese Menschen sind sicherlich aus allen Wolken gefallen.

Ich bin es auch erst vor gar nicht langer Zeit. Da bekam ich abends einen Anruf von unserem Pastor, in dem er mir mitteilte, dass er und seine Frau Carmen die Pfarrstelle auf  Spiekeroog übernehmen würden. Ich kann mich noch sehr gut an meine völlige Fassungslosigkeit an dem Abend erinnern, die sich in den nächsten Tagen mit Wut und  Trauer mischte. Und eine ganze Zeit angehalten hat.

Egal wie klein oder groß unsere Enttäuschungen sind. Vorausgegangen sind immer unsere persönlichen Vorstellungen der Zukunft. Wir haben uns im Geiste ausgemalt, wie etwas sein würde, wie eine bestimmte Situation verlaufen würde oder sich eine bestimmte Person verhält. Ich hatte z. B. erwartet, dass Andreas hier seine letzten Berufsjahre in Mariendrebber verbringt. Ich hatte mir ausgemalt, was wir gemeinsam noch für tolle Projekte auf die Beine stellen würden. Ich hatte mich darauf gefreut, noch ganz viel von ihm zu lernen.

Im Nachhinein begreife ich, dass das alles meiner Hoffnung entsprungen ist. Hoffnung ist etwas Positives, sie treibt uns an, motiviert uns, macht den Alltag manchmal erträglicher. Wenn man z.B. noch im Büro sitzt und an den Feierabend denkt.  Wir Menschen sind die einzigen Lebewesen auf der Erde, die diese Fähigkeit besitzen. Uns geistig vorzustellen, was wir gern hätten. Eben was wir uns erhoffen. Nur klappt das  nicht immer.

Wären unsere Seelen sichtbar, so wären da  viele Wunden, Narben und Verletzungen, die wir uns im Laufe des Lebens durch enttäuschte Hoffnung  zugezogen haben. Einige gut verheilt, einige aber sicherlich auch entzündet und eiternd. Was kann ich dagegen tun? Wie kann ich nun vorbeugen?

Die Vorbeugung darf auf gar keinen Fall zur Folge haben, dass ich mir keine Hoffnung und keine positiven Fantasien mehr von der Zukunft machen kann. Das stellt euch mal vor, wie trostlos eine solche Lebenshaltung wäre. Wie viel Lebenslust, Motivation für eine Sache, die mir am Herzen liegt, dabei verloren gehen würde! Wie stumpfsinnig solch ein Leben wäre.

Manchmal erlebe ich Zeiten, da habe ich so einen  Tunnelblick oder habe Scheuklappen auf. Dann sehe ich nur meine Wünsche und Ziele. Dann will ich nicht wahr haben, dass äußere Umstände dagegen sprechen und meine Wünsche zu dem Zeitpunkt völlig unrealistisch sind. Dann brauche ich eine ENT-TÄUSCHUNG, die mich aus der Irre führt. Denn darin liegt eine Wahrheit.

Eine Täuschung wird entdeckt, aufgedeckt, durchschaut. Enttäuschung führt mich aus der Täuschung in die Wahrheit. Wir haben uns in jemandem getäuscht, indem wir etwas von diesem erwartet haben, das nicht eintrat. Die Täuschung ist nun aufgeflogen und wir werden mit der Realität konfrontiert. Das tut weh. Manchmal mehr, manchmal weniger.

Es kann auch nicht anders sein. Ich kann nicht Mensch sein ohne von Menschen enttäuscht zu werden. Ich könnte versuchen, mit meiner im Leben gewonnenen Menschenkenntnis Enttäuschungen vorzubeugen. Wenn ich den Leuten an der Nasenspitze, Haarfarbe und Augenstellung ablesen könnte, ob sie vertrauenswürdig oder schlitzohrig sind, ließe sich viel Enttäuschung vermeiden.  Ja, wenn ich es könnte!

Ich könnte mich auch abschotten gegen meine Umwelt. Nicht mehr viel Kontakt zu meinen Mitmenschen haben. Das würde mich mit Sicherheit aber ziemlich schnell misstrauisch, distanziert und argwöhnisch werden lassen. Ich wäre nicht mehr in der Lage, mich mit meinen Gefühlen auf eine tiefere Beziehung einzulassen. Und würde mich damit vom Schönsten trennen, was wir Menschen haben: von Freundschaft und Liebe.

Natürlich können wir auch von uns selbst enttäuscht sein, wenn wir es z.B. nicht schaffen, selbstbewusst aufzutreten oder offen unsere Meinung zu sagen. Auch wenn wir damit ziemlich allein da stehen.

So erging es sicherlich Petrus.  Er war der erste Jünger, den Jesus in die Nachfolge rief. Petrus war sozusagen der Goldjunge unter den Jüngern. Ursprünglich hieß er Simon, war Fischer von Beruf und war sich seiner Loyalität zu Jesus so absolut sicher. Am Abend  vor seiner Verhaftung prophezeite ihm Jesus, dass die kommende Nacht eine Probe für ihre Freundschaft werden würde. Soldaten würden kommen, um ihn, Jesus und seine Freunde festzunehmen.Und ausgerechnet er, Petrus, würde dreimal leugnen, dass er Jesus jemals gekannt hat. Das wies Petrus entrüstet von sich. Er traute sich zu dem Zeitpunkt selbst so ein Verhalten nicht zu. Wie es ausgegangen ist, wissen wir: bevor der Hahn am anderen Morgen gekräht hatte, hatte Petrus seine Freundschaft zu Jesus dreimal verleugnet. Aus Angst um sein eigenes Leben. Als er erkannte, dass Jesus recht gehabt hatte, begann er bitterlich zu weinen.

Ich suche nach Worten für das Verhalten von Jesus und finde keine. Zu wissen, dass mich einer meiner besten Freunde in den kommenden Stunden verleugnen wird.  Natürlich weiß Jesus, dass sein Schicksal unausweichlich ist. Und er weiß in seiner großen Liebe zu den Menschen, dass das Verhalten von Petrus typisch menschlich schwach ist. Deshalb vergibt er ihm schon während der Prophezeihung und sagt zu Petrus:” Aber ich habe für dich gebetet, dass dein Glaube an mich nicht aufhört. Wenn du dann wieder zu mir zurück  gefunden hast, musst du deine Brüder und Schwestern im Glauben an mich stärken!”

Wenn ich lese, wie es im Leben des Petrus weiterging, bestärkt mich das in meinem Glauben, dass ich mich auf Gottes Versprechen verlassen kann. Petrus führte später die zwölf Jünger an, als Jesus nicht mehr unter ihnen lebte. Und er war Mitbegründer der ersten Urgemeinde, aus der die Kirche hervorging.

Ich glaube, diese Geschichte, vielleicht am eindringlichsten von allen, soll uns Mut machen, unsere Enttäuschungen anzunehmen. Anderen auch weiterhin mit Vertrauen und Hoffnung zu begegnen und in Kauf zu nehmen, hin und wieder von ihnen enttäuscht zu werden. Lieber mal vor Enttäuschung weinen, als seine Hoffnung  zu begraben. Die letztendlich eine der drei tragenden Säulen unseres Glaubens ist. Liebe, Glaube, Hoffnung. Und keine Enttäuschung sollte ein Grund dafür sein, unsere Hoffnung klein zu machen.

Wenn ich jetzt nach Monaten an meinen letzten Fall aus den Wolken zurück denke, ihr erinnert euch, der Anruf des Pastors, kann ich euch sagen: es gibt auch keinen Grund dafür. Ich finde es immer noch schade, viele Dinge nicht mehr mit den Flugs zusammen machen zu können. Aber ich erlebe in der letzten Zeit in dieser Gemeinde auch ganz wunderbare Dinge. Nämlich mit welchem Mut die ehrenamtlichen Mitarbeiter ungewohnte Aufgaben übernehmen, wie  gleich Amelie und Susanne, die heute Abend das erste Mal segnen werden. Oder mit welchem Zeit- und Kraftaufwand sich der KV bemüht, in Kooperation mit Jacobidrebber die Pfarrstelle neu zu besetzen. Ich erlebe, wie uns Menschen an die Seite gestellt werden, die uns der Himmel zu schicken scheint. Um z.B. den Konfirmandenunterricht in unserem Sinne weiter führen zu können.

Das alles macht mir einmal mehr deutlich, dass ich gewiss sein kann: Was Gott versprochen hat, hält er auch. Ich mag es nicht in allen Situationen sehen, erfahren und spüren, aber ich glaube fest daran. Gott ist bei mir, er trägt mich, er führt mich und gibt mir Kraft. Er ist mein Gott der Hoffnung, auf den ich bei jeder Enttäuschung bauen kann.

Amen

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